Festrede

Dr. Michael Otto, Aufsichtsratsvorsitzender der Otto Group
Dr. Michael Otto (Aufsichtsratsvorsitzender der Otto Group) © Holger Talinski

Sehr geehrte Mitglieder und Freunde des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Unterstützer und Förderer der Kultur in unserem Lande,

Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft verleiht mit seinem Partner Handelsblatt seit 2006 den Deutschen Kulturförderpreis. Der Preis wird vergeben für herausragendes kulturelles Engagement von Unternehmen und Unternehmensstiftungen.

Wir alle wissen: Das Schöngeistige wird häufig als Luxus angesehen, bei dem man nach entsprechender Abwägung am ehesten Abstriche macht, denn seine Bedeutung für die Gesellschaft und seine Wirkung auf unser aller Zusammenleben erschließt sich meist erst bei genauerem Hinsehen. Zwar ist es nach wie vor die Aufgabe des Staates, Kunst und Kultur zu fördern und sich in diesem Bereich finanziell zu engagieren. Die private Förderung stellt heute aber oftmals eine wichtige und notwendige Ergänzung zur rein öffentlichen Finanzierung dar. Und so gehören neben Privatleuten auch immer mehr Unternehmen zu den Financiers.

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts förderten bekannte Unternehmerfamilien Kunst und Kultur. Sie taten dies zum einen aus persönlicher Leidenschaft. Zum anderen in dem festen Glauben, dass Kunst und Kultur wichtige Pfeiler einer Gesellschaft sind. Bedeutende Kunstsammlungen und kulturelle Projekte, beispielsweise bei Siemens, BMW, BASF und vielen anderen, sind im Laufe der Jahre aus der Überzeugung entstanden, dass derjenige sich für Kunst und Kultur engagiert, dem es um mehr als um Absatz und Gewinn geht, nämlich der etwas für die Menschen, für die Gesellschaft tut.

Auch ich persönlich teile diese Ansicht. Im Zeitalter der Corporate Responsibility sind Unternehmen aufgefordert, Ihre Identität weiter zu fassen. Sie werden von der Öffentlichkeit nicht mehr nur dahingehend betrachtet, wo und unter welchen Umständen sie ihre Waren herstellen und ihre Dienstleistungen anbieten. Zunehmende Bedeutung gewinnt auch die Frage, wie durchlässig und sensibel sie sich mit den Anliegen und den Werten der Gesellschaft auseinandersetzen.

Kunst und Kultur sind identitätsstiftende Merkmale einer demokratischen Gesellschaft. Sie dokumentieren Lebensentwürfe und Lebensformen. Sie sind im besten Sinne des Wortes Ausdruck gelebter Demokratie. Sie spiegeln gesellschaftliche Debatten wider, sie bieten Reibungsflächen zur Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und weisen über das alltägliche Geschehen hinaus. Besonders in einer multiethnischen Gesellschaft gewinnen Kunst und kulturelle Bildung zunehmend an Bedeutung. Sie stellen die positiven Elemente kultureller Vielfalt heraus. Das fördert auch die Integration.

Für Unternehmen bieten sie vielfältige Möglichkeiten des Engagements. Ganz besonders gilt dies für die Förderung von Projekten aus der Region oder dem Umfeld des Unternehmens. Hier können Unternehmen – wir sind heute Abend im Hamburger Hafen – echte Anker setzen. Besonders bei der regionalen Kunst- und Kultur-Förderung kann die Verbindung zwischen Künstlern und Unternehmen eine ausgesprochene Win-Win-Situation sein. Das habe ich im Rahmen der zahlreichen Engagements meines Hauses selbst erfahren. Warum?

Mitarbeiter und Führungskräfte, – besonders der jüngeren Generation –, stellen heute andere Ansprüche an das Unternehmen als früher. Vor allem 20 – 35-jährige kunstinteressierte Mitarbeiter beklagen häufig Defizite in der Kunst- und Kulturförderung der Politik. Sie suchen in ihrer Freizeit ein vielfältiges Kunst- und Kulturangebot im Umfeld. Kunst- und kulturfördernde Initiativen werden vor diesem Hintergrund zu einem profilbildenden Kriterium für Unternehmen. Im Hinblick auf den sogenannten »war for talents« und die imagefördernde Wirkung ist kulturelles Engagement also durchaus auch ein wirkungsvolles Instrument.

Darüber hinaus wirkt es nicht nur image- und kommunikationsfördernd, verbindend, identitätsstiftend und damit mitarbeitermotivierend. Die Förderung von Kunst und Kultur führt, wenn sie ernsthaft und nachhaltig betrieben wird, auch zu positiven Veränderungen in Bezug auf die eigene Unternehmenskultur. Das finde ich persönlich besonders wichtig, denn gerade in der Krise zeigt sich, dass Unternehmen mit einer ausgeprägten Unternehmenskultur besser durch das Unwetter kommen als Firmen, die sich rein auf ihre wirtschaftlichen Kennziffern ausrichten.

Viele Unternehmen achten bei der Wahl ihrer Kunst- und Kulturförderung deshalb zunehmend auch darauf, dass diese zu den Vorstellungen ihrer Mitarbeiter und den Werten, die das Unternehmen verkörpert, passen. Und: Sie fördern langfristig. Das ist wichtig. Nicht nur für die Planungssicherheit der Kunst- und Kulturschaffenden und ihrer Institutionen, sondern auch für die Unternehmen selbst. Denn wer sich nur bei schönem Wetter »etwas Kultur« leistet, kann die eigene Unternehmenskultur nicht nachhaltig entwickeln.

Insgesamt betrachtet binden knapp drei Viertel der kulturfördernden Unternehmen ihre Mitarbeiter heute aktiv in ihr Engagement ein. Über diese direkte Einbindung der Mitarbeiter in die geförderten kulturellen Aktivitäten ist die Wahrscheinlichkeit deutlich größer, dass das Kulturengagement zum einen überhaupt wahrgenommen wird, zum anderen die Mitarbeiter über die Kunst miteinander ins Gespräch kommen und zudem kreative Impulse erhalten. All dies sind Effekte, die identifikationsstiftend und motivierend wirken.

Wie positiv sich die Förderung von Kunst und Kultur auf Mitarbeiter und auf Führungskräfte auswirkt, möchte ich Ihnen anhand eines Beispiels aus meinem Hause erläutern: 2009 hat die Otto Group gemeinsam mit vier begabten Musikerinnen, dem bekannten Damenstreichquartett Salut Salon, in Hamburg das Musikprojekt „The Young ClassX“ ins Leben gerufen. Das Projekt unterstützt junge Menschen darin, Zugang zur Musik zu finden, z.B., in einem Chor zu singen oder selbst ein Instrument zu erlernen. Dabei richtet es sich vor allem an diejenigen, für die die musikalische Bildung nicht selbstverständlich ist und die von Hause aus weniger mit der klassischen Musik in Berührung kommen. Da Bildung und auch die Unterstützung von weniger privilegierten jungen Menschen im Rahmen unseres gesellschaftlichen Engagements ein wichtiges Thema sind, passt es perfekt zu unserem Haus.

Wie wirkt das auf unsere Mitarbeiter? Die Konzerte der Young ClassX sind mittlerweile, – das darf ich so sagen –, legendär. Zahlreiche Mitarbeiter am Standort Hamburg engagieren sich ehrenamtlich im Rahmen der vielen Auftritte der Young ClassX, betreuen die Kinder und Jugendlichen im Vorfeld der Veranstaltungen, begleiten sie zu den Konzerten, sorgen für ihre Verpflegung und dafür, dass es den jungen Musikern an nichts fehlt. Sie geben Ihnen Sicherheit, Selbstvertrauen und Fürsorge. Eine kleine Kostprobe von The Young ClassX haben Sie bereits heute Abend gehört. Weitere folgen noch. Begonnen haben wir mit dem Projekt an den sogenannten Brennpunktschulen, wo wir teilweise 70 – 80 Prozent Jugendliche mit Migrationshintergrund haben, denn Musik verbindet.

Inzwischen haben wir über 8.000 Jugendliche in dem Programm mit zahlreichen Schul- und Stadtteilkonzerten bis hin zur musikalischen Begleitung der Hamburger Einbürgerungsfeiern oder gar des Bundespräsidentensommerfestes. Was besonders schön ist, das sagen uns die Schulleiter, ist, dass die Aggression auf den Schulhöfen zurückgegangen ist. Musik verbindet eben.

Für das Miteinander der Mitarbeiter in unserem Unternehmen ist diese Erfahrung von unschätzbarem Wert. Sie führt zu mehr Umsicht, mehr Nähe, mehr Begeisterung, mehr Kreativität im täglichen Doing, einem größeren Zusammenhalt untereinander und einem stärkeren Gemeinschaftsgefühl. Dem Unternehmen gegenüber spüren die Mitarbeiter eine tiefere Verbundenheit, eine höhere Identifikation. Das führt dauerhaft zu mehr Einsatzbereitschaft, was gerade in schwierigen Zeiten von großer Bedeutung ist. Auch für die Außenwirkung ist dieses Engagement von unschätzbarem Wert. Denn es bietet uns die Möglichkeit, unsere Werteorientierung zu verdeutlichen und unserem Unternehmen neben dem sogenannten „Produkt“ auch eine „Persönlichkeit“ zu geben.

Unser Kulturprojekt ist für uns als Unternehmen in Bezug auf die Öffentlichkeit zu einem unverzichtbaren Socialising-Faktor geworden. Es ist die persönliche Verbindung zur Gesellschaft, zum Kunden. Ich bin der festen Überzeugung: Wenn ein Unternehmen innovativ, kreativ und aufgeschlossen bleiben will, dann muss es wie jeder einzelne von uns seine Teilhabe am sozialen Leben gestalten. Die Förderung von Kunst und Kultur gibt dazu hervorragende Möglichkeiten. Sie ist eigentlich unverzichtbar.

Ich freue mich vor diesem Hintergrund ganz besonders, dass wir heute Abend Unternehmer und Unternehmen auszeichnen werden, die diese Ansicht teilen, ihre Förderung in beispielgebendem Maße auf Unternehmen und Umfeld ausgerichtet haben und sich damit zugleich in der Gesellschaft verankern.

Vielen Dank

Dr. Michael Otto, Aufsichtsratsvorsitzender der Otto Group