Kulturkreis
Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft fördert seit 1951 Kunst und Kultur und setzt sich für eine Gesellschaft ein, in der Kultur als unverzichtbare Ressource verstanden wird.
Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft fördert Künstler in den Sparten Architektur, Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Literatur und Musik und bietet seinen Mitgliedsunternehmen Service und Beratung in den Bereichen Kultursponsoring, Corporate Collecting, kulturelle Bildung und auswärtige Kultur.
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 "Im Übergangsraum. Persönlichkeit entscheidet – in der Musik wie in der Wirtschaft" von Dr. Claudia Nagel

Es sind vor allem die Ausstrahlung einer Person und die Persönlichkeit, die damit in Verbindung gebracht wird, die heute von zunehmender Bedeutung für den beruflichen Erfolg sind – das gilt in der Wirtschaft genauso wie in der Kunst.

In der obersten Führungsriege der Unternehmen wird die Beherrschung des operativen Handwerkszeuges in der Regel vorausgesetzt, so dass das Unterscheidungskriterium, ob sich jemand für eine Position eignet, vorrangig in der Persönlichkeit zu suchen ist. Dabei sind die Unterschiede zwischen familiengeführten Unternehmen und Konzernunternehmen entsprechend der - durchaus begründeten - Vorurteile doch ziemlich groß. Wenn ich hier von Persönlichkeit spreche, dann geht es mir vor allem darum, kein Urteil über das wie, also die Inhalte der Persönlichkeit zu formulieren, sondern eher die Gesamtheit in ihrer Besonderheit, Reifheit, Ausdruckskraft und Individualität zu betrachten. Führungskräfte haben – neben dem operativen Management, zwei wichtige Aufgaben: sie sollen die Menschen, die mit ihnen arbeiten, inspirieren, hinter sich bringen, begeistern und sie sollen sich und die anderen weiterentwickeln, sie unterstützen, anleiten und das Beste aus sich selbst und anderen herausholen (ohne dabei sich und andere zu überfordern). Für beide Bereiche braucht es vor allem eins: Selbsterkenntnis und Selbstreflexionsfähigkeit. Ohne das Verständnis der eigenen Biographie und ohne Kenntnis der eigenen Innenwelt sind weder Empathie, noch Authentizität denkbar – und beides braucht es, um erfolgreich und nachhaltig andere für sich einzunehmen, mitzunehmen und zu entwickeln.
In der Musik ist das nicht anders. Nur wenn der Künstler die Resonanz eines Werkes in sich selbst spürt und wenn er in der Lage ist, darüber nachzudenken und dieser Resonanz intellektuell und in der Aufführungspraxis Ausdruck zu verleihen, wird er in unserer heutigen multimedialen Welt Erfolg haben. Denn für das Publikum sind Empathie und Authentizität unmittelbar spürbar und erlebbar.

Unser BDI-Kulturkreis Musik-Wettbewerb „Ton und Erklärung“ unterscheidet sich von vielen anderen Musikwettbewerben. Die Werkvermittlung  - die Erklärung – spielt, zusätzlich zur musikalischen Interpretation eine bedeutende Rolle.  Denn der moderne Konzertbetrieb erwartet heute von einem Musiker weit mehr als nur die schöne Wiedergabe von richtig gespielten Noten. Es kommt vielmehr darauf an, sorgfältig ausgewählte Werke selbst inhaltlich zu durchdringen und dieses Verständnis einem immer wieder neuen Publikum zu vermitteln. Die sprachliche Übersetzung und Einführung in die Werke wird immer wichtiger, insbesondere bei der für viele Hörer noch als unverständlich geltenden, zeitgenössischen Musik.

"Nun könnte man diese Entwicklung damit begründen, und das wird auch gern getan, dass das Publikum klassischer Musik entweder zunehmend älter wird und sozusagen ausstirbt und/oder die nachwachsende Generation zumindest nicht mehr so vorgebildet ist, wie es ein gutes Verständnis der Musik bedingen würde. Aus meiner Sicht ist das zwar ein mögliches Argument, aber bei weitem nicht das einzige, es scheint mir sogar eher zu kurz zu greifen.

Denn was passiert eigentlich mit uns, wenn wir Musik hören und dies nicht zu Hause auf dem Sofa, sondern wenn wir uns aufmachen in den Konzertsaal? Welche Erwartungen haben wir? Und was unterscheidet das „Live-Erlebnis“ vom „Sofa-Erlebnis“?
Die meisten erwarten einen (ästhetischen) Genuss und vor allem eine emotionale Berührung durch die Musik, sie wissen und erfahren immer wieder, dass Musik einen verzaubern kann, entführen und tief berühren, sie kann einen glücklich oder traurig machen und für einen Moment langt wähnt man sich möglicherweise in einer anderen Welt. Diese Expressivität der Musik, also dass ein Stück als traurig oder fröhlich erscheint, wirft die philosophische und psychologische Frage auf, woher denn diese Wirkung eines abstrakten musikalischen Werkes (wenn wir an dieser Stelle gesangliche Werke ausklammern) kommen mag, da sie ja keine Gegenstände direkt darstellen oder abbilden kann.
Verkürzt gesagt, scheint es weder der Fall zu sein, dass sich in einer Komposition vor allem die Gefühle des Komponisten eins zu eins abbilden (das kann man z.B. sehr gut bei Bach und Mozart sehen), noch dass alle Stücke bei allen Menschen die gleichen Gefühle hervorbringen, sie also dem Stück unmittelbar immanent wäre. Interessant erscheint mir vielmehr hier die sogenannte Persona-Theorie des Kunstphilosophen Peter Rinderle, der die Expressivität der Musik der Vorstellung einer imaginären Person zuschreibt. Dadurch dass wir uns in der Musik eine Person vorstellen und ihr die von uns nachempfunden Gefühle zuschreiben, „hat“ das Stück einen bestimmten Ausdruck (vgl. Rinderle, Peter 2010: Die Expressivität von Musik. Paderborn, Mentis) Erst durch diese Zuschreibung erhält also Musik ihren emotionalen Charakter. Der ausführende Künstler kann dann als eine Art Mittler zwischen den beiden Welten – der Vorstellung der imaginären Person in der Musik und der eigenen Empfindungswelt dienen. Er oder sie sind damit die Herrscher über ein Zwischenreich - in der Psychoanalyse würden wir hier von einem Übergangsraum sprechen, der sich zwischen Phantasie und Wirklichkeit befindet und das Schöpferische an sich erst möglich macht. Die persönliche Ausdruckskraft des Künstlers spielt hierbei eine entscheidende Rolle.

Der Künstler dient als Projektionsfläche für die Gefühle des Zuhörers und seiner Vorstellungen der imaginären Person in der Musik. Aber er ist nicht einfach nur leere Projektionsfläche, sondern kann diese Projektionen vermittels seiner Persönlichkeit auch gestalten. Durch die Ausstrahlung seiner Person, seine eigene Persönlichkeit und seine Interpretation erfahren wir in einem Musikstück jeweils ganz eigene Qualitäten. Und wenn es dann noch gelingt, der Interpretation und Persönlichkeit aktiv Ausdruck zu verleihen, indem der Künstler versucht, in Worte zu fassen, was ihm oder besonders wichtig ist, so erhöht das die Identifikationsmöglichkeit des Zuhörers. In unserem vorletzten Wettbewerb war das Hauptinstrument Violine und in der Schlussrunde (mit 4? Finalisten) haben wir mehrfach das Brahms-Violinkonzert hören können – es war interessant, wie das gleiche Orchester und der gleiche Dirigent im unmittelbaren Aufeinanderfolgen das Brahms-Violinkonzert völlig unterschiedlich gespielt haben – und nur, weil die Solistinnen jeweils ganz unterschiedliche emotionale Schwerpunkte gesetzt hatten – eine sehr eindrückliche Erfahrung für uns alle!

Auch der Manager oder Unternehmenslenker befindet sich in Strategie in einem Übergangsraum, den er mit seinem Handeln gestaltet, denn er wählt aus den verschiedenen strategischen Optionen in einem schöpferischen Akt durch das Zusammenstellen für ihn wichtiger Daten und Fakten einerseits und Fantasien und Vorstellungen andererseits eine Variante aus, die er dann für den Markt und seine Kunden gestaltet. In diesem Übergangsraum wirkt sozusagen der Gott der Wandlung (und der Diebe und der Kaufleute!), Hermes (griechisch) oder auch Merkurius (römisch), der aus der Verbindung von Idee und Realität etwas Neues schafft, ein neues Produkt oder eine neue Dienstleistung.

Und die Persönlichkeit als Projektionsfläche spielt in Unternehmen eine ebenso wichtige Rolle – allein die wenigsten Führungskräfte wissen, wie sehr sie selbst als unbewusste Vorstellungsfläche für ihre Mitarbeiter und deren unbewusste Wünsche dienen. Dies wird vor allem durch die hierarchische Struktur in Unternehmen bedingt. Menschen neigen dazu, Ähnlichkeiten in Strukturen und sozialen Beziehung zu suchen, da sich dadurch leichter orientieren können und wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Das hat zur Konsequenz, dass hierarchische Beziehungen unbewusst an Eltern-Kind-Beziehungen erinnern und Mitarbeiter an ihre Führungskräfte ähnliche Erwartungen und Wünsche haben, wie sie sich aus familiären Konstellationen ableiten lassen – wie beispielsweise Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Versorgtwerden. Auch negative Erfahrungen und Konflikterwartungen werden auf Vorgesetzte projiziert oder aber auch unbewusste Wünsche nach eigener Grandiosität und Lei(s)tungskraft.

Die Persönlichkeit der Manager bietet hierfür sozusagen den Haken, an dem sich die Projektion der Mitarbeiter aufhängen kann.  Daher ist es wichtig zu wissen, welche Persönlichkeit in welchem Unternehmenskontext einen positiven Beitrag leisten kann.

Neben diesen psychologisch-philosophischen Themen spielt in der Musik zunehmend auch die Vermarktung des Künstlers und parallel dazu in der Wirtschaft die Vermarktung des Unternehmens durch ihre Spitzenkräfte eine Rolle. Zum Glück gibt es von dieser Branding-Welle aus Ausnahmen (man denke an Künstler wir Sokolov oder Vorstandsvorsitzende wie ... – die sich eher durch Bescheidenheit auszeichnen), aber der Trend geht eindeutig in diese Richtung. Eine gewisse Bereitschaft und vor allem auch eine Freude an der Selbstdarstellung sind heute zwingende Voraussetzung, um eine internationale Karriere zu machen. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Allgegenwart der Medien und in den Medien dazu führt, dass die Erwartungen des Publikums an den Künstler (und den Manager) hinsichtlich seiner künstlerischen Autorität und seiner Ausstrahlung immer größer werden, während die technische Perfektion vorausgesetzt wird. Aber gerade hier setzt wiederum der Wunsch nach Menschlichkeit und Fühlbarkeit des Erlebnisses an. Je perfekter die technische Ausführung, je mehr jede Note sozusagen stimmt, desto eher möchte das Publikum etwas von dem Künstler als Menschen, als Person erleben – gerade um sich mit ihm oder ihr identifizieren zu können. Denn nur durch diese Identifikationsmöglichkeit wird das Konzerterlebnis zu einem persönlichen, emotionalen Erlebnis und zu einer persönlichen Erfahrung.  In den Unternehmen ist das nicht anders, je nahbarer ein Vorstand ist, je mehr er sich den Mitarbeitern als Mensch präsentiert, während er gleichzeitig den notwendigen Abstand halten muss (den in der Musik die Aufführung und die Bühne mit sich bringen) und sich nicht anbiedern sollte, umso mehr erkennen die Mitarbeiter (Sach- und Fachkenntnis vorausgesetzt) die persönliche Autorität an und sind bereit, mitzumachen und zu folgen. Persönlichkeit, Identifikationsmöglichkeit und persönliche Autorität sind also eng zusammenhängende Konstrukte. Und in unserem Musikwettbewerb geht es darum, diesen hinter den Kulissen wirksamen Zusammenhang mit in den Prozess der Auswahl einzubeziehen – zwar steht immer noch die musikalische künstlerische Leistung im Vordergrund, aber ohne die Bereitschaft als Künstler, auch etwas von sich zu zeigen, werden es junge ausführende Musiker heute schwer haben. Darauf wollen wir sie vorbereiten.

Vielleicht noch eine Anmerkung zum Schluss: manche werden jetzt sicherlich sagen, dass der Künstler doch eigentlich hinter das Werk treten sollte, dass es bei Beethoven Sonaten nicht um den Pianisten geht, sondern um das, was Beethoven sich dabei gedacht hat. Dem sei entgegnet: wer weiss das heute noch so genau, was Beethoven sich gedacht hat? Musik entsteht immer erst im Augenblick ihrer Aufführung und nur mithilfe von Künstlern, die sich (hoffentlich) sehr intensiv mit dem Werk beschäftigt haben – es gibt keine objektive Aufführung von Musik, sie ist immer schon durch die Biographie der Aufführenden und dann durch die Biographie des Hörers geprägt. Insofern ist es hilfreich, diese Prägungen, die sowieso da sind, aktiv mit einzubeziehen in der Hörerlebnis, statt zu versuchen, sie auszuklammern, was praktisch unmöglich ist.

Dr. Claudia Nagel ist Mitglied im Gremium Musik im Kulturkreis des BDI sowie Geschäftsführende Gesellschafterin/Managing Partner
NAGEL& COMPANY GmbH
Bockenheimer Landstr. 106
D-60323 Frankfurt
http://www.nagel-company.com/
http://www.behavioral-strategy-institute.com/

Claudia Nagel (2013): „Behavioral Strategy. Denken und Fühlen im Entscheidungs-prozess. Das Unbewusste und der Unternehmenserfolg“, Mit einem Vorwort von Prof. Hermut Kormann.

Text zum Download

pdf "Im Übergangsraum" von
        Dr. Claudia Nagel